Der Regen rauscht in Strömen auf die Zelte, Sturzbäche schnellen durch das Lager. Kleine Kinder stecken bis zum Rand ihrer Gummistiefel – wenn sie denn welche haben – im Schlamm fest. Überall wird gehustet. Krankheiten breiten sich aus. Der Albtraum hat einen Namen: Idomeni.

An die 15.000 Flüchtlinge leiden in dem Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze. Mehr als 5000 davon sind Kinder. Immer wieder hasten Männer und Frauen durch die verschlammten Gassen der Zeltstadt, schleppen ihre Kleinen auf dem Rücken zu der Krankenstation.

Eine Ärztin dort sagt: „Vor allen Dingen Erkältungskrankheiten breiten sich bei der Kälte schnell aus. Es gibt auch schon Fälle von Lungenentzündung.“

Hoffnung gibt es für die allermeisten in dem Lager kaum. Maximal 250 Flüchtlinge, nur Syrer aus Kriegsgebieten, lassen die mazedonischen Grenzer pro Tag durch den monströsen Grenzzaun aus Stahl und Stacheldraht. Zuletzt sogar das nicht mehr.

 Der griechische Staat ist kaum anwesend, private Vereine und unabhängige Organisationen halten unter enormem Einsatz minimale Lebensbedingungen aufrecht. Ärzte ohne Grenzen (MSF) betreibt die Krankenstation. „Wir können hier nicht mehr als unmittelbare Nothilfe leisten“, so Koordinator Cristian Reynders.

Doch der Strom an Hilfesuchenden aus dem Süden Griechenlands reißt nicht ab. Täglich kommen um die 2000 neue Flüchtlinge nach Idomeni. Helfer verteilen zwar Zelte, doch die meisten davon haben keinen Boden. Die Schutzsuchenden kampieren auf der nassen Erde. Yasmina, eine 20-Jährige aus Aleppo, weint: „Ich habe Angst, dass wir alle sterben, wir sind alle krank. Und zuerst trifft es die Kinder.“ Die verlorenen Kinder von Idomeni.

Voller Hoffnung sind sie vor Wochen und Monaten in ihrer geschundenen Heimat aufgebrochen, um endlich ein besseres Leben zu finden. Jetzt sind sie mit ihren Eltern gestrandet. Die Balkan-Route ist dicht – es gibt keinen Weg mehr in eine bessere Zukunft.

Täglich werden ein halbes Dutzend schwangere Frauen in Kliniken eingeliefert, weil sie ihre Kinder nicht mehr spüren. Ärzte melden drastische Quoten von Fehlgeburten. Miguel Ramon, Arzt der Hilfsorganisation MdM: „Ein totes Baby, das nicht aus dem Bauch der Mutter geholt wird, kann ganz schnell ihr eigenes Leben bedrohen.“

Die Angst, eine letzte Chance zu verpassen, führt zu dramatischen Szenen. Kranke Frauen und auch Kinder verlassen die Hospitäler – weil sie fürchten, dass sie nicht am Zaun sind, falls sich dieser doch noch einmal öffnen sollte. Babar Baloch, Sprecher des Weltflüchtlingshilfswerks UNHCR: „Aber niemand sagt ihnen, was Sache ist.“ Also leiden sie weiter – am meisten die Kinder.

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